Treibgut, ziellos, sucht ... - Gedanken

 

Ich treibe durch ein eisiges Meer.

Manche nennen es Weltstadt mit Herz.

 

Auf den Straßen wogt ein Strom namenloser Wellen.

Er reißt mich mit.


Preisschilder baumeln allenthalben, zum Greifen alles nah.

 

Das gute Gefühl, schick gekleidet zu sein, zum Greifen nah der Glamour teuren Schmucks und edler Düfte, der Fußmassagen und Boutiquen. Golden schimmerndes Blech und billige Stoffe mit glatten Oberflächen für alle, die nur so tun als ob.

 

Zum Greifen nah der Anzug, passend zum anvisierten Erfolg, der Hut, der dich zum Individualisten macht, das Tattoo, das Bedeutung auf die blasse Haut bannt. Markenlogos als moderne Form der Kastenzugehörigkeit.

 

Schokolade, Kaffee, tausende Gewürze, Räucherstäbchen und Gesundheitsschuhe.

 

Wein vom Neckar und aus Australien (die Reben von Kängurus in die Beutel gelesen und mit kräftigen Sprüngen die Maische zerstampft?), Rind aus Argentinien. Ein pekinesischer Hund kläfft aus einem Täschchen.

 

Alles da, jedes Bedürfnis zu stillen, jeder Fantasie flüchtig Substanz zu verleihen.

 

Alles so nah.

 

Das Paradies auf Erden, in dem die wichtigeste Frage heißt: Wann kaufe ich dies, wohin fliege ich dann und hilft diese Creme gegen die Orangenhaut?

 

Ich schwimme dazwischen, vom Sog gezerrt, sehe Auslagen funkeln, rieche gebrannte Mandeln und Make-up-Duft. Nichts zieht mich an, nichts lädt mich ein. Haltlos treibe ich weiter.

 

Das Meer schimmert mancherorts bunt.

 

Hand in Hand schlendern zwei Männer vorüber, ins Gespräch über Maßanzüge vertieft. Eine Großfamilie, die Frauen verschleiert, rückt hinterm Rathaus Stühle zum Sitzen in einen Kreis, lässt eine Lücke für das Mädchen im Rollstuhl.

 

Ein Vater trägt sein Baby im Tragegürtel vor der Brust. Es hat die Händchen im Schlaf zu winzigen Fäusten gerollt, den Kopf am Herzschlag des Vaters geborgen.

 

In orangenen Pluderhosen und mit rasiertem Kopf dreht sich ein Asiate im Kreis. Er filmt das Panorama, bevor er mit fliegenden Kugeln zu jonglieren beginnt. Seine blonde Partnerin und das Kind schauen ihm zu, löffeln italienisches Eis.

 

In der Fußgängerzone spielt ein Quartett aus der Mongolei tiefe, vibrierende Klänge auf grobschlächtigen Saiteninstrumenten. Aus einem der hundert Kirchtürme dringt Glockengeläut.

 

Drachenfrüchte und Datteln liegen neben Clementinen und Trauben, ohne wegen ihrer Herkunft verfeindet zu sein.

 

Die Köpfe in die Nacken gelegt, die Hände in Andacht heroben, stehen vereint, dicht an dicht Chinesen, Japaner, Briten und Saudis, Polen und Amerikaner und Potsdamer und filmen den hölzernen Tanz des Glockenspiels am Rathausturm.

 

Stimmen, Kindergeheule, Kollegen vom Straßenbau klopfen Pflastersteine fest. Auf einer Hebebühne fahren zwei Männer zum Fenster im dritten Stock, das sie klackernd reparieren. Autos, Busse, das Bimmeln der Straßenbahn. Und wenn man ganz genau hinfühlt, spürt man das Vibrieren der U-Bahn im Untergrund.

 

Der Wind weht sacht dazu, treibt von der Sonne goldumkränzte Regenwolken über den Bühnenhimmel hin.

 

Rotklee blüht und Disteln.

 

Keinen Moment ist es still in der Stadt, die Brandung reißt nicht ab. Jeden Augenblick bringt die Strömung Neues mit sich und trägt Altes fort.

 

Alles scheint einen Zweck zu haben. Ein Ziel. Als wäre es der Mühe wert, zum Sightseeing in fremde Länder zu reisen, als wäre es notwendig, von Ort zu Ort zu gelangen, dies und jenes käuflich zu erwerben, für einen Moment das Gefühl zu erleben, wie Schokoladeneis auf der Zunge schmilzt.

 

Ich sehe mich um und weiß eines ganz sicher: Ich bin kaputt. Irgendwie.

 

Ich will nichts. Ich weiß nichts.

 

Und ich weiß nicht, warum ich nichts will.

 

Ich wollte Autorin werden, Gärtnerin, Kämpferin, Tänzerin, Mutter. Mutter Teresa und Tiamat. Wollte frei sein und geliebt. Ungebunden, ungezwungen, zwanglos - und dazugehören.

 

Ich kann es nicht. Ich bin kaputt. Irgendwie.

 

Ich passe nicht hinein in diese Welt und passender wird sie nicht, egal wie lange ich warte. Als trennte mit etwas von den Menschen, die mit mir jetzt am Leben sind. Eine Schicht, die weder von innen noch von außen zu durchdringen ist.

 

Ich versuche, mir eigene Gedanken zu machen, einen eigenen Reim auf das Weltgeschehen, statt mich einer meinungsgeeinten Herde anzuschließen. Versuche, mir zu erklären, wie Kriege entstehen, wie sie fortdauern können, sobald alle wissen, wie scheußlich sie sind. Wie Fanatismus, wie Unmenschlichkeit. Warum Menschen, die so verschieden nicht sind, nicht einfach gemeinsam nach der Zukunft fragen.

 

Versuche zu verstehen, warum Vorurteile die einzige Währung sind, die überall gilt. Warum Macht und Ideologie so viel mehr wiegen als das Leben selbst. Mehr wiegen, als die Liebe.

 

Versuche zu verstehen, warum durch Hass und Angst so viele erreichbar sind. Und so wenige abzuwägen bereit. Warum ich kotzen könnte, wenn die einen über die andern schimpfen mit einer Vehemenz, als gälte es grad im Moment ihr Leben.

 

Was mag das alles bedeuten. Warum ist die Welt so, wie sie ist. Und warum machen wir sie nicht besser?

 

Besser.

 

Wie wäre das? Wenn wir selbstloser wären, liebender. Wenn wir gewähren ließen, statt Ansprüche aneinander zu stellen.

 

Doch wer wollte die Regeln festlegen, nach welchen alles geschähe. Oder regelte es sich am Ende von selbst. Und wäre es dann anders als jetzt? Wären wir in der Lage anders zu sein, als wir sind? Sind wir so widerlich, wie wir agieren, oder sind wir das größte Wunder inmitten des unermesslichen Wunders unseres Alls?

 

Gibt es Frieden? Oder ist er nur die Ruhephase, in der sich Groll aufs neue formiert, verdichtet, in der die freundliche Fassade nur die Sicht auf die wüsten Gelüste verstellt - bis der geeignete Auslöser kommt und die hässliche Fratze wieder ins Leben entlässt.

 

Gab es eine Zeit, in der wir Menschen menschlich waren. Menschlicher als jetzt. Ist das, was wir hier leben, mehr als nur ein kurzes Glück?

 

Unser Schutz ist auf Papier geschrieben. Verfassung, Gesetze, Verordnungen.

 

Gegen Feuer verliert Papier.

 

Das Gute, was ist das?

 

Liebe deinen Nächsten, ja. Das klingt hervorragend. Sind wir nicht eine christlich geprägte Nation. Jedenfalls das und auf keinen Fall etwas anderes, falls jemand fragt.

 

Nur, wer ist mein Nächster? Ist es der, den ich zufällig mag, der, mit dem ich verwandt bin. Ist es der, der zufällig neben mir wohnt, ist es der, der anders aussieht und in fremden Zungen spricht? Man kann doch nicht gut zu allen sein, ohne das Fell abgezogen zu bekommen, und im Suppentopf finsterer Räuber zu landen.

 

Wo kämen wir hin, kämen alle zu uns, die weniger haben als zufällig wir.

 

Ist ja nicht unsere Schuld, dass die Bewohner rückständiger Länder ausgebeutet werden, um uns den Luxus des modernen Lebens erschwinglich zu machen. Du hast es nicht befohlen, oder? Ich sicher auch nicht.

 

Leben. Etwas Fragiles. Ein kleiner Funken. Ein kurzes Glimmen nur, das sich um Selbsterhaltung und Fortpflanzung dreht. Ein Glühwürmchen, das Nahrung will und Sex, bevor ihm das Licht ausgeht.

 

Stört es uns, wenn Insekten einander nach dem Akt verspeisen, stört es uns, wenn Löwen fremder Löwen Kinder töten, stört es uns, dass rosige, von ihren Müttern geborene und gestillte Ferkel nur leben, damit wir ihr zerhacktes Fleisch in ihre eigenen Därme stopfen und überm Grill rösten, während wir über Politik und Fernsehserien parlieren?

 

So ist das halt. Die Höhlenmenschen jagten Mammut. Das ist der Lauf der Natur.

 

Spielt es eine Rolle, ob Soldaten Kinder verstümmeln, Frauen vergewaltigen, Männer foltern und niedermetzeln? So war es immer gewesen. Spielt es eine Rolle, ob Herzklappenfehler operiert werden oder Grauer Star. Ob Knochenbrüche gerade verheilen, ja, lohnt es sich überhaupt, ein Pflaster zu holen und übers aufgeschürfte Knie zu kleben?

 

Ich bin kaputt. Etwas ist zerbrochen.

 

Ich habe es klirren gehört.

 

33 Jahre Erdendasein habe ich absolviert.

 

19 davon in einem Elternhaus, das Schizophrenie und Wutausbrüche beherrschten. Damals wusste ich jeden Moment, den ich lebte: Das ist falsch. Das ist nicht die Welt, so konnte, so durfte sie nicht sein. Es musste besser werden, anders möglich sein, miteinander zu leben. Ich glaubte nie an Gott, obwohl ich es versuchte. Aber ich glaubte immer an das Gute im Menschen. An Liebe. Daran, dass Verständnis und Mitgefühl mehr verändern konnten, als Wut.

 

Ich glaubte an ein Leben ohne Brüllen, Schreien, Zwang und Angst, ohne irre Fantasien und gekränkte Ehrgefühle, derentwegen die Einrichtung in Stücke brach.

 

Ohne den tosenden Sturm, der mich um Schlaf und Frieden brachte, der mir den Halt und die Hoffnung entriss, ohne die sich überschlagenden Wellen, die gnadenlosen Wirbel, die mich unversehens in die Tiefe zerrten, ohne die fliegende Gischt, die mir Sicht und Atem nahm.

 

Ich. Ein kleiner Teich, über dem ein Tornado wütet.

 

Ich zog hinaus in die Welt, um anders zu sein.

 

Lebte mein Leben. Auf meine eigene Weise. Suchte friedfertige Menschen, sichere Häfen, Leute, denen am Angriff nichts lag. Ich fand sie, lebte im Stillen, nach meiner Art und in Sicherheit.

 

Glatt wurde die Oberfläche, still mein See. Und leise begannen wieder Vögel zu zwitschern, Sonnenauf- und Untergänge spiegelten sich in ungeahnter Pracht darin. Möglichkeiten, Träume trauten sich mit dem Dunst aufzustehen, tanzten malerische Reigen, schimmerten auf dem Wasser wie pures, von guten Feen gestreutes Gold.

 

Sogar den Vater lud ich ein, hin und wieder Gast in meinem Leben zu sein. Er wurde ein besserer Opa, als er ein Vater war, weil wir einander mit dem Sonntagsgesicht trafen.

 

Ja, Liebe. Zusammenhalt. Das gab es, es war möglich, ich habe es selbst erlebt in der Welt, die ich um mich schuf.

 

Immer war ich froh darum, in dieser Zeit zu leben, Bürgerin dieses Landes zu sein. In Sicherheit. Froh, mich nicht erleben zu müssen, wie ich in faschistischen Zeiten mich hierhin oder dorthin gewandt haben mochte. Wer wüsste es schon, außer im Nachhinein.

 

Doch je mehr ich sah und sehe, je mehr ich hörte, je mehr ich las von der Welt, desto spröder wurde die schimmernde Fläche, die Oberfläche auf meinem stillen Teich.

 

Bis sie brach.

 

Unter der Last von Blut, von Hass und Gräuel und Folter, von Hetzparolen, gleich welcher Couleur, von Schubladendenken, brennenden Asylunterkünften und Rucksackbomben.

 

Knack.

 

Kaputt.

 

Und jetzt sehe ich, was das war, das da so spiegelte, was mich trennte. Diese glänzende, glatte Schicht auf dem glatten See.

 

Eis.

 

Auf dem See war`s gefroren.

 

Lange schon. Zu meinem eigenen Schutz. Besser die Kälte von draußen drang nur bis dorthin.

 

Schätze, es rutschte öfter jemand darauf aus.

 

Ich bin kaputt und wund und allein.

 

Eine eisige Welle im eisigen Meer. Treibe dahin, Millionen andere driften vorbei. Bilder, Stimmen, klackernde Fahrradketten.

 

Was bin ich, was die anderen?

 

Wo treiben wir hin und warum.

 

Fragen, die in den fernen und nahen Wellen vielleicht ebenso lauern, wie in meiner Brust. Wenn sie unter Schichten von Eis womöglich auch halb erfroren sind. Wer weiß.

 

Wer fragt einander schon nach seiner Angst und nach dem blutenden Herzen. Wer fragt nach dem Menschen hinter der Maske.

 

Wer sind wir. Und was machen wir hier eigentlich?

 

Wer hat uns geschaffen, was ist unser Sinn? Wie sollen wir leben und wofür. Loht es sich überhaupt, am Leben zu sein, etwas zu wollen, etwas zu suchen, so, wie wir sind?

 

Extremisten jeder Gattung finden auf diese Fragen radikale Lösungen, die jede weitere Frage verbieten. Ein einfacher Weg. Gut und Böse teilen sich brav in zwei Hälften, Ungewisses dazwischen wird eliminiert. Sie wiegeln einander so lange auf, bis nichts in der Nähe ihrer vernichtenden Kraft zu entkommen vermag.

 

Andere waten im Schlick des Alltags, halten sich mit der Smartphonejagd auf Pokemon und wahllosen Konsum beschäftigt, um den grässlichen Fragen nur nicht ins Gesicht zu schauen. Geraten ohne greifbaren Sinn ins Schlingern, strampeln sich ab, um nicht unterzugehen. Klammern sich an panisch an alles, was in ihre Nähe treibt, ohne zu bemerken, dass nichts davon lange schwimmt.

 

Kaputt. Nackt. Bloß.

 

Das Eis ist gebrochen, der Spiegel kaputt. Alle Fragen sind offen.

 

Kein rettender Wahn, kein Idealismus, keine Zauberformel in Sicht. Kein Gott, nicht für mich.

 

Die Welt, wie sie ist.

 

Zerbrechliches Leben, das sich beständig neu erschafft. Ausgestattet mit einem Empfinden für Leid und Angst - und der nie sterbenden Niedertracht, beides gnadenlos dem Nächsten anzutun. Für Macht.

 

Der Schmerz reicht tief in das kalte Wasser.

 

Weit unten, tief drin, da lebt etwas noch.

 

Da lebt der Mensch, der einfach Mensch ist. Der sucht und nicht findet. Der beim Erklären merkt, wie wenig er selbst versteht, der bedrängt von tausend Gesichtern, Geschichten, Gütern alleine bleibt. Der sich Zugehörigkeit und Nähe wünscht. Ein schützendes Zuhause. Für den Körper, für die Seele und für die Kinder, die nach ihm sind.

 

Mensch, was bist du für ein Tier, dass du den Verstand hast zu fragen, und kaum das Herz, die Antwort zu ertragen?

 

Eine winzige Welle im weiten Ozean des Lebens, die aufzüngelt und zurückfällt, ohne je zu begreifen, warum.

 

Wäre es nicht möglich, das Hassen zu lassen und einander das bisschen Leben zu gönnen, diesen winzigen Funken, der uns geschenkt ist. Und es dankbar zu genießen? Einfach nur so?

 

Wir sind nur winzige Tropfen, egal, wie viel Leid wir ertragen, egal wie viel wir Leid wir bringen, egal was wir besitzen und was wir entbehren. Es spielt keine Rolle. Das Meer nimmt uns zurück.

 

Leben ist einfach Leben.

 

Und ich wünschte, ich könnte wieder hoffen, dass in jedem Menschen ein Fünkchen Liebe wohnt.


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