Zurück im prallen Leben - Kurzgeschichte

 Durch ein hohes Portal trat Peter in die Halle und atmete den Geschmack von echtem Leben. Auf der Brust das frische, perfekt gebügelte Hemd, die goldenen Manschettenknöpfe angelegt. Einen Hauch von Leder und Bienenwachs verströmten die eleganten Schuhe, im Haar dezent Pomade und auf dem rasierten Körper ein paar Spritzer vom teuren Eau de Toilette. Wie lange hatte er nicht mehr genossen, wozu er geboren war.


Feierlich durchmaß er die Eingangshalle, registrierte wohlwollend die neugierigen Blicke der Damen und die abschätzigen der Herren. Die schwere Uhr am Gelenk versicherte ihm, dass er früh genug erschienen war. Eine Dame durfte nicht warten. Ob er sie nach dem Foto auf der Website erkannte?


Er nannte seinen Namen, erntete eine kleine Verbeugung des Kellners und folgte ihm zu dem Tisch, den er reserviert hatte. In der Nähe des Springbrunnens gelegen, doch so abgeschieden, dass nichts den guten Eindruck trüben konnte, den diese Sophie von ihm gewinnen würde.
»Die Dame ist bereits hier«, sagte der Kellner und wies auf den Tisch.
Tatsächlich, ein junges Ding saß dort. Aufwändig zurechtgemacht und teuer gekleidet. Die Frau auf dem Bild. Etwas an ihrem Blick irritierte ihn.
Er verbeugte sich, nahm ihre Hand entgegen und hauchte in alter Manier einen Kuss über den Handrücken. Sie schauderte und zog die Hand zurück.
Der Kellner wartete stumm, bis er saß, fragte nach dem Aperitif und Peter bestellte.
Ihre tiefen Augen ruhten auf ihm.


»Ich hoffe sehr, du hast Appetit mitgebracht. Die Hummer sind ausgezeichnet«, sagt er.
»Tatsächlich? Das klingt sehr verlockend.«
Sie lächelte ein ausgesprochen hintergründiges Lächeln, versteckte dann die untere Hälfte ihres Gesichts hinter der Speisekarte. Strahlende, wache Augen zwinkerten ihm zu.
Peter zupfte an den Manschettenknöpfen und lüftete den Kragen. Als sie den Blick auf die Karte senkte, flaute die Hitze ein wenig ab.
»Dann bist du öfter hier?«, fragte sie nach einer Weile.
»Oh ja, es ist eines meiner Lieblingsrestaurants. Und du?«
»Ich bin meist im Diamont Castle, auch sehr zu empfehlen.«
»Davon habe ich bisher nur Gutes gehört. Vielleicht nimmst du mich einmal dorthin mit?«
»Wer weiß?«
Sie bestellten Hummer und tranken den Aperitif aus hohen, hauchdünnen Gläsern. Ja, genauso musste es sein. Wieder betrachtete sie ihn ein wenig zu lang und ein wenig zu unverschämt über den Glasrand hinweg.
»Wie herrliche Augen du hast«, sagte er. Reine Notwehr.
Sie schlug den Blick nieder und auf ihre Wangen kroch eine tiefe, fleckige Röte, die ihn noch mehr ins Schwimmen brachte.


»Entschuldige«, murmelte er. »Erzähle mir von dir, was machst du? Wohin verreist du am liebsten?«
Die Röte rutschte von den Wangen hinab auf den Hals. Sie lächelte.
»Ich besuche einen Design-Kurs. Wenn ich ihn abgeschlossen habe, möchte ich Handtaschen und Schmuck entwerfen. Es ist nur nicht so einfach, Kontakte zu knüpfen.«
»Das klingt ausgesprochen interessant. Leider fällt mir niemand ein, der dir behilflich sein könnte. Aber ich höre mich gerne um.«
»Und du?«
»Ach, überhaupt nicht spannend. Aktien. Zahlen auf einem Bildschirm, weiter nichts. Für das Künstlerische fehlt mir leider jedes Geschick. Umsomehr bewundere ich andere dafür.«
Peter wagte einen neuen Blick in ihre Augen. Wieder kroch die Röte durch ihr Gesicht.
Er versuchte sich zu erinnern, ob er schon einmal eine Dame in derartige Verlegenheit gebracht hatte. Bestimmt nicht, während er gesittet mit ihr speiste und anständigen Smalltalk pflegte. Sicherlich hatten die meisten eine ähnliche Gesichtsfarbe angenommen, nachdem er gegangen war, ohne sich zu verabschieden. Nur sah er das nie.
»Ich fühle mich dazu berufen. Klingt ziemlich bescheuert, was?«, sagte sie.
»Kein bisschen. Ich kenne das Gefühl«, sagte er.


Der Hummer kam und Peter nahm das knallrote Ding fachmännisch auseinander. Sophies Geschicklichkeit beeindruckte ihn.
»Weißt du«, sagte er, als er einige Gabeln voll Hummerfleisch verspeist hatte. »Ich glaube, jeder ist zu etwas berufen. Bei mir sind es eben die Aktien. Ich hatte früh das Gefühl, die Gesetze des Marktes wären mir in die Wiege gelegt.« Immerhin lag das nah genug an der Wahrheit.
»Ach?«
»Das klingt richtig bescheuert, was?«
»Kein bisschen!«
Sie lachte. Ein freies, junges Lachen und sie vergaß offensichtlich, dass noch Hummer in ihrem Mund herumsprang.
Peter lachte mit. Hier und da huschte ein irritierter Blick in ihre Richtung. Herrlich.
»Sophie, ich habe mich lange nicht so wohl in weiblicher Gesellschaft gefühlt«, sagte er. Und das stimmte tatsächlich.
Diesmal glühte sie nicht, schlug nicht die Augen nieder, sie begann auch nicht mit vollem Mund zu lachen, obwohl ihm das am meisten imponiert hätte. Sie schaute einfach zurück, so lang, bis Peter nicht mehr wusste, ob er außerhalb ihrer Augen noch existieren konnte. Er hatte schon vielen Frauen schöne Dinge gesagt und ähnlich durchschlagende Erfolge damit erzielt. Und nichts davon ernst gemeint.


»Ja«, sagte sie schließlich.
Peter schaute auf seinen Teller.
Sie sagte ihm nicht die ganze Wahrheit. In ihren Augen lag etwas so aufrichtig Geheimnisvolles, dass er den Rest seines Lebens hätte hineinstarren mögen.
Wenn sie sich unter anderen Umständen begegnet wären, ja. Wenn er Geld dabei hätte - oder genug auf dem Konto um mit der EC-Karte zu bezahlen. Eine Kreditkarte bekam er ja nicht, solange das Insolvenzverfahren lief. An diesem Abend tat ihm das zum ersten Mal weh.
Sophie aß mit gesundem Appetit, ganz anders als die meisten Damen. Sie lächelte, schaute, schaute weg, wenn er zurückschaute. Peter kaute. Schluckte. Pulte Fleisch aus der Schale. Kaute. Schluckte. Er brauchte viel Wasser und noch mehr Wein, um den Hummer hinunter zu spülen. Heute schmeckte er nichts.
»Wünschen Sie ein Dessert?«, fragte der Kellner.
»Sehr gern«, sagte Sophie. Sie wählte aus, Peter schloss sich ihr an, ohne mitbekommen zu haben, was sie bestellte.


Ihr Körper, eine knappe Armlänge von ihm entfernt, warm und jung und rosig und gesund. Ihr frischer Geist darin geborgen, strahlte ungefiltert heraus.
Er löffelte etwas Süßes. Penetrant süß. Löffelte es trotzdem auf, weil er dann nicht sprechen musste. Und solange er löffelte, geschah nicht sonst.
Sie bestellten mehr Wein, sie lachte, er fragte nach ihrem Kurs, ob sie schon Entwürfe gemacht hatte und fragte, ob er sie sehen dürfte. Sie zierte sich, lachte wieder, gestand schließlich, wie peinlich ihre Kritzeleien waren, aber dass er sie vielleicht sehen konnte. Wenn sie sich ein wenig besser kannten.


Sie besser kennen lernen. Das konnte ein Leben dauern, und doch würde sie ein Geheimnis bleiben.
Außer dem Wein stand nichts mehr auf dem Tisch. Bevor der zur Neige ging, musste er das Weite suchen. Wie immer. Ganz lässig zum Telefonieren in die Eingangshalle schlendern. Dort Zigaretten herauskramen, die er nie rauchte, und dann in der Unterschicht verschwinden.
Diese Frau konnte er nicht mit der Rechnung sitzenlassen, auch wenn sie die locker würde bezahlen können. Denn dann brauchte er ihr nie wieder unter die Augen treten, unter diese Augen, von denen er doch gesehen werden wollte.
Peter schwitzte, das Weinglas zitterte in der Hand. Er stellte es ab. Öffnete einen Hemdknopf, rutschte herum. Er musste aufhören damit. Stillsitzen, das Ding durchziehen. Und hoffen, dass sie sich nie wieder sahen. Er hatte sich verzockt. In Spiel und in der Liebe.
Sophie nahm seine Hand. Peter hielt die Luft an.
»Peter, was ist los?«, fragte sie.
»Nichts, alles bestens.«
»Peter?«
»Ja.«
»Du wirst nicht verschwinden und mir die Rechnung überlassen.«
»Was? Wie kommst du darauf?«
»Ich kann sie nicht bezahlen.«
»Du bist doch eingeladen, ganz klar. Wie es sich gehört.«
Peter wollte seine Hand zurückziehen, aber sie hielt erstaunlich kräftig fest. Sie schmunzelte, die Augen funkelten vergnügt. Er konnte nicht lügen. Nicht so! Gleich klackten die Handschellen, ihm war, als spürte er sie schon.
»Sophie, es ist mir -«
»Ich weiß. Komm, wir hauen zusammen ab.«

 

 

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